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NRW-Ministerin Barbara Steffens fördert Verharmlosung von Genitalverstümmelung

Februar 5th, 2012 | Posted by Ines Laufer in Bund und Länder | Jawahir Cumar / Stop Mutilation | Kommentare | Runder Tisch Beschneidung / Mädchenbeschneidung NRW
Ministerin Barbara Steffens finanziert mit dem "Runden Tisch NRW" mit Steuergeldern eine Institution, die Genitalverstümmelungen konsequent verharmlost

Ministerin Barbara Steffens finanziert mit dem „Runden Tisch NRW“ mit Steuergeldern eine Institution, die Genitalverstümmelungen konsequent verharmlost

Morgen, am 6. Februar 2012, jährt sich der  Internationale Tag „Null Toleranz gegenüber Genitalverstümmelung“ zum neunten Mal. Er wurde 2003 vom größten und ältesten pan-afrikanischen Netzwerk  gegen Genitalverstümmelung – dem Inter-African Committee on Traditional Practices (IAC) – ins Leben gerufen.

Ein guter Zeitpunkt, um noch einmal ein wichtiges Grund-Anliegen dieser engagierten Organisation und dessen Umsetzung in Deutschland zu reflektieren:

Die Verwendung der korrekten Terminologie „Weibliche Genitalverstümmelung“

„Sprache spiegelt und schafft Wirklichkeit“, bzw. „Sprache kreiert Vorstellungen – und diese Vorstellungen beeinflussen die Realität“. Auf dieser Grundlage beschreibt die linguistische Wissenschaft die enorme Kraft, die den Worten innewohnt. Auch im Zusammenhang mit Genitalverstümmelung spielen die richtigen Worte eine große Rolle:

Damit sich die gesellschaftliche und individuelle Einstellung zu dem Gewaltphänomen Genitalverstümmelung ändert, muss der Sprache und den verwendeten Begriffen in diesem Prozess größte Bedeutung beigemessen werden.
Die Verwendung euphemistischer Ausdrücke in der deutschen Öffentlichkeitsarbeit, wie z. B. „Beschneidung“ – und die damit hervorgerufene Schaffung harmloser Assoziationen – behindert in fataler Weise eine Bewusstseinsänderung. 

Runder Tisch NRW ignoriert und missachtet die Forderungen der größten afrikanischen Organisation gegen Genitalverstümmelung (IAC) 

Das Inter-African Committee sah sich aufgrund der wachsenden Tendenz in westlichen Ländern, Genitalverstümmelungen als „Beschneidung“ oder englisch „Cutting“ zu verharmlosen, im Jahr 2005 veranlasst, mit der Bamako-Deklaration die Weltöffentlichkeit zur Einhaltung der korrekten Terminologie „Weibliche Genitalverstümmelung“ (engl. Female Genital Mutilation, kurz FGM) aufzufordern – mit fundierten Begründungen:

The term FGM is not judgmental. It is instead a medical term that reflects what is done to the genitalia of girls and women. It is a cultural reality. Mutilation is the removal of healthy tissue.

The fact that the term makes some people uneasy is no justification for its abandonment.   (…)

Other terms created confusion in the minds of the people on the nature and gravity of the practice.            (…)

We recognize that while it may be less threatening for non-Africans to adopt other less confrontational terminology in order to enter into dialogue with communities, it is imperative that the term FGM is retained.                                  (…)

We, the participants at the 6th IAC General Assembly demand a halt to this drift  towards trivializing the traditional practice by adopting a subtle terminology. We demand that all organizations and international bodies revert to the terminology adopted by the IAC in 1990, and reinforced in 2002.

We demand that the voices of African women be heard and that their call to action against FGM is heeded…

Der Runde Tisch NRW verharmlost seit seiner Gründung 2007 in der

Der Runde Tisch NRW missachtet vorsätzlich die Forderung afrikanischer Aktivistinnen nach der Verwendung der Terminologie "Genitalverstümmelung"

Der Runde Tisch NRW missachtet vorsätzlich die Forderung afrikanischer Aktivistinnen nach der Verwendung der Terminologie „Genitalverstümmelung“

Öffentlichkeit die Verstümmelungsgewalt als „Beschneidung“ und ignoriert damit vorsätzlich den Aufruf der engagierten Afrikanerinnen, ihre Terminologie-Forderung  zu respektieren:

Im September 2007 wurden zwei der federführenden Verharmloser am Runden Tisch – Günter Haverkamp von der Aktion Weißes Friedensband und Jawahir Cumar – in einer gemeinsamen Petition verschiedener deutscher Organisationen sowie der Waris Dirie-Foundation und des Inter-African-Committées zur Verwendung des korrekten Begriffes „Weibliche Genitalverstümmelung“ aufgefordert – mit dem Ergebnis, dass auf der WebSeite des Runden Tisches heute noch verlautbart wird:

„Auf Wunsch der afrikanischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer hat sich der „Runde Tisch NRW“ für den Sprachgebrauch weibliche Genitalbeschneidung oder die englische Bezeichnung Female Genital Cutting (FGC) entschieden. Die Begriffe Genitalverstümmelung oder Female Genital Mutilation (FGM) sollen möglichst nicht verwendet werden.“

Das bedeutet, dass hier die fundierten Forderungen langjährig erfahrener afrikanischer Aktivistinnen mit Füßen getreten werden zugunsten einer Handvoll „afrikanischer Teilnehmer“, die mit ihrer unzumutbaren Forderung nach sprachlicher Verharmlosung deutlich machen, dass sie schlichtweg die falschen Kooperationspartner sein müssen, wenn es um einen angemessenen Umgang mit diesem Verbrechen geht – und deren Intentionen gründlich zu hinterfragen sind!

Völlig ad absurdum führt der „Runde Tisch“ seine Bagatellisierungs-Politik schließlich durch seine bemühte Beteuerung, nicht zu verharmlosen, da „in allen Vorträgen und Workshops gleich zu Anfang auf den eindeutigen Unterschied zwischen der männlichen und der weiblichen Beschneidung“ hingewiesen würde. „Entwicklungsbiologisch entspricht die Klitoris der Frau dem Penis beim Mann. Eine vollständige oder auch Teil-Entfernung (Typ I nach WHO) würde beim Mann der teilweisen oder vollständigen Penisamputation entsprechen“ heißt es. Nun:

Für die teilweise oder vollständige Amputation des Penis gäbe es keine Diskussion, den Gewaltakt selbstverständlich als Verstümmelung zu benennen!

Niemand käme auf die absurde Idee, dies als „Beschneidung“ zu bezeichnen! Wissentlich jedoch das weibliche Äquivalent dieser Folterprozedur als „Beschneidung“ zu bagatellisieren, muss als ebenso paradox wie frauenverachtend bewertet werden.

Wer durch die Verwendung verharmlosender Begriffe ständig falsche, harmlose Assoziationen bei den Empfängern hervorruft, kann noch so oft beteuern, er wolle eigentlich gar nicht begatellisieren – es ändert an der verharmlosenden Wirkung seiner Sprache nichts.

Runder Tisch NRW wird mit Steuergeldern finanziert

Besondere Brisanz erhält die fortgesetzte Verharmlosung der Genitalverstümmelungsgewalt am „Runden Tisch“ durch die Tatsache, dass sie getragen wird von Politikern (z.B. Bündnis 90/Die Grünen NRW), Ministerien (z.B. Justizministerium NRW), Berufsverbänden (z.B. Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte) sowie Vereinen (z.B. Terre des Femmes und Amnesty International) – und vom Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter (MGEPA) unter Ministerin Barbara Steffens (Bündnis 90/Die Grünen) finanziert wird.

Dabei war es ausgerechnet die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, die schon 1997 in einem Antrag an die Bundesregierung gefordert hatte, „von dem Euhphemismus „Beschneidung“ Abstand zu nehmen“ und dies 2006 bekräftigte.

Doch anstatt sich in ihrer Position als Geldgeberin dafür einzusetzen, dass in der Außenkommunikation des „Runden Tisches“ die korrekte Terminologie „Genitalverstümmelung“ verwendet wird, hat Ministerin Steffens den verharmlosenden Begriff „Beschneidung“ sogar für offizielle Erklärungen ihres Ministeriums übernommen und konterkariert damit vollends die Forderung ihrer eigenen Partei…

Zusätzlich zu der sprachlichen Verharmlosung gibt es eine Menge weiterer Kritikpunkte am „Runden Tisch NRW“, die ich zu einem anderen Zeitpunkt darstellen werde, weil sie jetzt den Rahmen sprengen würden, z.B. die Veröffentlichung falscher Zahlen über betroffene/bedrohte Mädchen und Frauen in NRW, implizite Unterschätzung der Täter und daraus resultierend fehlender Schutz für gefährdete Mädchen sowie die unseriöse Verbreitung boshafter, unwahrer und rufschädigender Gerüchte über andere NGOs (z.B. WADI e.V.), die sich für die Beendigung von Genitalverstümmelungen einsetzen.

Wer sich mit Anfragen, Meinungen oder Kommentaren direkt an Ministerin Barbara Steffens wenden möchte, kann sie unter der Nummer 0211 – 8618 – 4300  anrufen oder per e-Mail erreichen: barbara.steffens@mgepa.nrw.de

Fotos (c) Screenshot WebSeite Barbara Steffens / Runder Tisch NRW

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