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Genitalverstümmelung & Trauma: Warum Opfer zu Tätern werden

Juli 29th, 2012 | Posted by Ines Laufer in Allgemein | Kommentare | TaskForce
Mütter überlassen ihre Töchter der Genitalverstümmelung - nicht obwohl, sondern WEIL sie selbst Opfer sind

Mütter überlassen ihre Töchter der Genitalverstümmelung - nicht obwohl, sondern WEIL sie selbst Opfer sind

„Wie können Mütter zulassen, dass ihren Töchtern die Genitalverstümmelung angetan wird, obwohl sie diese Folter selbst erlebt haben“?

lautet eine der im Westen wohl am häufigsten gestellten Fragen im Zusammenhang mit Genitalverstümmelung an Mädchen.

Das grundlegende Unverständnis und die Hilflosigkeit, die sich in dieser Frage äußern, sprechen Bände darüber, wie sehr das gewalttätige Wesen von Genitalverstümmelung immer noch verkannt wird und darüber, wie wenig Wissen über die Mechanismen von Gewalt bislang im kollektiven Bewusstsein verankert ist – denn die Antwort könnte einfacher kaum sein:

Die Mütter überlassen ihre Töchter der Verstümmelung – nicht obwohl – sondern WEIL sie Opfer sind!

Genitalverstümmelung „funktioniert“ auf der psychologischen Ebene prinzipiell wie jede andere Form intergenerationeller Gewalt, wie z.B. die Weitergabe sexualisierter, physischer und psychischer Misshandlung innerhalb von Familien. (1)

Die Opfer erleiden mit der Verstümmelung zum einen ein Maß an Gewalt, das an sadistischer Intensität kaum zu überbieten ist und zum anderen schweren Verrat und Vertrauensmissbrauch durch jene Personen (d.h. Mutter, Großmutter, Familie), die eigentlich für Schutz und Geborgenheit sorgen müssten.

Viele Überlebende schildern diese Erfahrung ähnlich wie die ägyptische Schriftstellerin Nawal El Saadawi:

„Was man mir aus dem Körper geschnitten hatte, wusste ich nicht – ich wollte es auch nicht wissen. Ich weinte nur und rief um Hilfe nach meiner Mutter. 

Der schlimmste Schock kam, als ich mich umsah und merkte, dass sie neben mir stand. Ja, sie war es, in voller Lebensgröße – es konnte keinen Zweifel geben. Mitten zwischen diesen Fremden stand sie, sprach mit ihnen und lächelte sie an, als habe sie nicht eben erst an der Abschlachtung ihrer Tochter teilgenommen…“ (2)

Diese fatale Kombination aus massiver Gewalt und Verrat durch die engsten Bezugspersonen löst schwere Traumata aus:  Bis zu 80 % der Verstümmelungsopfer erleiden anhaltende Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), dissoziative Störungen und Angststörungen.

Durch Dissoziation (Abspaltung) und „Identifikation mit dem Aggressor“ – ausgelöst durch das Verstümmelungs-Trauma – werden die ehemaligen Opfer zu Tätern ohne jegliches Mitgefühl…

Verdrängung, Abspaltung und „Identifikation mit dem Aggressor“ sind

Durch Abspaltung und Identifikation mit dem Aggressor werden Opfer zu Tätern

Durch Abspaltung und Identifikation mit dem Aggressor werden Opfer zu Tätern

typische psychische Abwehrreaktionen  gegenüber schwerer Gewalt, die besonders dann entwickelt werden, wenn das Maß der erlebten Ohnmacht und Abhängigkeit besonders groß ist. Dabei werden die erlebte Gewalt und damit assoziierte Gefühle (auch Mitgefühl) völlig abgespalten oder abgeschaltet sowie die Verhaltensweisen des Aggressors (unbewusst bzw. oft gegen den bewussten Willen) übernommen und an die nachfolgende Generation weitergegeben:

„Nur tief gespaltene Menschen können ein Kind foltern, z.B. in Form von Genitalverstümmelung…(…)…Der Zusammenhang zwischen allgemeiner innerfamiliärer Gewalt gegen Kinder und der Genitalverstümmelung ist offensichtlich. Die Verstümmelung ist nichts anderes als Folter mit lebenslangen Folgen. Sie ist eingebettet in die historisch belegte routinemäßige Folter von Kindern durch Eltern und Pflegepersonen.

Und sie kann nur stattfinden, weil die Menschen, die diese Mädchen verletzen, selbst einst als Kind alles Menschliche abspalten mussten, um in einer Atmosphäre der Gewalt überleben zu können. Die Genitalverstümmelung ist in meinen Augen kein Ausdruck von “Kultur”, sondern eine Wiederaufführung selbst erlebter Traumatisierungen.“ (3)

Vor diesem Hintergrund dürfte es niemanden verwundern, dass auch allgemeine, schwere physische und psychische Misshandlungen gegen Kinder in sämtlichen Verstümmelungs-Kulturen flächendeckend verübt werden.

Es wird deutlich: Die folgenschweren psychischen Trauma-Reaktionen mögen zwar der Aufrechterhaltung zumindest der teilweisen Funktionstüchtigkeit des Selbst der Opfer dienen, doch richten sie sich in großem Maße gegen die Integrität der Opfer sowie das Wohlergehen der künftigen Generationen.

Sie sind potentiell lebenslang wirksam und manifestieren sich sogar dann, wenn ehemalige Opfer vorgeben, sich gegen das Verbrechen einzusetzen – doch in erster Linie die Täter und die Tat entschuldigen, rechtfertigen, verharmlosen und schützen: Einige Beispiele mit großer Musterähnlichkeit haben wir in unserem Blog beschrieben, z.B. Jawahir Cumar, Fadumo Korn oder Almaz Böhm. Andere werden uns regelmäßig unkritisch und unreflektiert von den Medien präsentiert, wie kürzlich die Sudanesin Amal Bürgin von einem Schweizer Blatt uvm.

Fazit:

Die Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Gewalt, Trauma und Weitergabe der Gewalt von einer Generation zur nächsten erfordern eine grundlegende Kurs-Korrektur und dringende Strategie-Anpassung.

Das Wissen um die oben beschriebenen Mechanismen der intergenerationellen Weitergabe von Gewalt liefert nicht nur eine Erklärung dafür, wie (auf der psychologischen Ebene) bestialische Verbrechen wie die Genitalverstümmelung aufrecht erhalten werden, sondern erklärt ebenfalls, warum die bisherigen Ansätze zu deren Überwindung scheitern und gibt den Weg vor, wie diese Gewalt schnell, wirksam und nachhaltig gestoppt werden kann:

Wer Genitalverstümmelung ernsthaft bekämpfen will, muss zuallererst den fatalen Gewaltkreis aufbrechen und die potentiellen Opfer davor schützen, Opfer und später gewaltbereite  potentielle Täter zu werden.

Es muss darum gehen, die „Produktion“ neuer Opfer-Täter Generationen konsequent zu stoppen, d.h. Mädchen auch gegen die Überzeugung der Täter (!) zu schützen, z.B. durch regelmäßige Unversehrtheitskontrollen, verbunden mit strikter Bestrafung der Täter bzw. Anstifter (Familie), was sowohl in Deutschland/Europa als auch in Entwicklungshilfeprojekten auf einfache Weise umsetzbar wäre – allein der Wille zur Umsetzung fehlt bislang, unter anderem eben auch deshalb, weil die o.g. Zusammenhänge übersehen, ignoriert oder einfach nicht bewusst sind…

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.

(1) Bis zu 42% der Frauen, die als Kind sexualisiert misshandelt wurden, liefern ihre eigenen Kinder später männlichen Partnern zur sexualisierten Gewaltausübung aus. Bis zu 70% der Frauen, die als Kind geschlagen wurden, schlagen ihre eigenen Kinder. Bis zu 80% der männlichen Gewaltopfer reproduzieren die Gewalt gegen Frau und Kinder. Quelle: Michaela Huber, 1. Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Trauma und Dissoziation

(2) Nawal el Saadawi 1980 in einem Interview mit dem amerikanischen Frauenmagazin „Ms.“

(3) Sven Fuchs – der in Hamburg Soziologie studiert hat und sich seitdem mit den Ursachen, Mechanismen und Folgen von Gewalt befasst und seine Erkenntnisse auf einem äußerst empfehlenswerten Blog veröffentlicht

Fotos (c) Scott Haddow/Flickr, istockphoto

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13 Responses

  • Manuela Mitas says:

    Was ich mich zunächst frage, ist woher die Zahl kommt, dass 80% der Opfer an Posttraumatischen Belastungsstörungen leidet? Soweit ich weiß, ist es in bisherigen Studien vor Ort schwer ermittelbar gewesen, gerade weil entsprechende Fragebögen sich an westlichen Maßstäben der Psychologie orientieren. Es wäre zunächst sinnvoll kulturelle Besonderheiten in der klinischen Psychologie zu berücksichtigen. Das heißt auch, dass der lokale Raum in der sich eine Person befindet, Funktion eines “Schutzraumes” haben kann. Wenn man diesen Punkt weiter verfolgt zeigen sich hier weitere Ansatzpunkte für die Migrationsforschung in westlichen Gesellschaften. Denn Migranten solcher FGC – praktizierenden Gesellschaften finden sich im Ausland anderen Werten und Normalitäten und damit auch anderen Schwierigkeiten gegenüber gestellt. Ich möchte damit keinesfalls die Schwere des Eingriffs in Frage stellen, sondern zu bedenken geben, dass man die auf westlichem Boden erwachsene Psychologie nicht so einfach auf andere Kulturen adaptieren kann.
    Der Grund weshalb die Praktik weitergetragen wird trägt nicht allein Ursache darin, dass Opfer psychischer und physischer selbst häufiger zu Tätern werden (obwohl auch dies, insbesondere in unseren Gesellschaften auf jedenfall einen Faktor darstellt). Es sind besonders auch gesellschaftliche Ordnungen und Normalitäten in denen die Praktik verankert ist. Wechselt dieser gesellschaftliche Raum mitsamt seiner Werte, können pathologische Verhaltensweisen zu Tage treten oder hierdurch erst entstehen.
    Dass diese Praktik grauenhafte Ausmaße annehmen kann steht außer Frage – jedoch ist es ebenso notwendig eine den Opfern gerechte Diskussion zu führen, durch die keine weitere Stigmatisierung statt findet. Wenn man Themen wie diese falsch kommuniziert, entsteht häufig Mitleid – Mitleid wiederum bringt oft nur denen etwas, die es geben. Die Empfänger des Mitleids können es oft kaum ertragen.

    • Sehr geehrte Manuela Mitas,

      die Studie, in der ermittelt wurde, dass rd. 80% der Verstümmelungsopfer an schweren, anhaltenden traumatischen Störungen leiden, ist direkt im Text verlinkt. Sie wurde im Senegal durchgeführt – in der Annahme, die irrtümlicherweise von vielen westlichen Kulturrelativisten vertreten wird – der „lokale Raum“ habe EInfluss auf die Ausbildung schwerer Traumata infolge massiver Misshandlung und Gewaltanwendung:

      Dem ist nicht so! Die Realität des Traumas und seine Gesetzmäßigkeiten werden durch die nicht minder reale Gewalt, Folter, Todesangst, Schmerzen usw. bestimmt, kurz: Sie kümmert sich nicht um „Westlich“ oder „Nicht-Westlich“ – ebenso wie es für die Physik oder Mathematik gleich ist, an welchem Ort sie Anwendung findet (1+1=2 – egal ob im Westen oder in Afrika), wirken Trauma, Traumafolgen und Gewaltweitergabe nicht nur „in unserer Gesellschaft“, sondern global.
      Oder stellen Sie auch infrage, dass man Mathematik und Physik nicht „einfach so auf andere Kulturen adaptieren“ kann?

      Die vorsätzliche Verstümmelung wehrloser Kinder stellt m.E. bereits eine zutiefst pathologische Verhaltensweise dar – die in den jeweiligen Gewaltkulturen nicht als individuelle sondern als kollektive Tat verübt wird und entsprechend tradiert und normiert wurde.

      Doch dies ändert nichts an den psychologischen Wirkmechanismen, die aus Opfern später willige Täter werden lassen.

      Unser Anliegen heißt „Information und Aufklärung“ über jene Fakten und Aspekte, die ein sadistisches Kollektiv-Verbrechen wie Genitalverstümmelung an Mädchen überhaupt ermöglichen – unabhängig davon, ob sie bequem sind oder nicht. Denn dies ist die unabdingbare Grundlage, um diese Gewalt zu beenden und Kinder wirksam zu schützen.

      Insofern sind unsere Beiträge sicher grundsätzlich ungeeignet, um „Mitleid“ zu erregen und dürften insofern in die Kategorie „richtige Kommunikation“ gehören…

      • Manuela Mitas says:

        Sehr geehrte Frau Laufer,

        ich respektiere Alice Behrendts Arbeit und bin begeistert von ihrer Motivation in diesem Bereich zu forschen. Wenn Sie aber diese Studie als Beweis anführen, gehe ich davon aus dass Sie auch die Methodik aufmerksam gelesen haben. Dabei wird Ihnen aufgefallen sein, dass die 80% der Frauen bei denen posttraumatische Symptome gefunden wurden auf eine Stichprobe von 23 Frauen zurück geht. Das heißt dass die Ergebnisse ein Indiz auf eine solche Symptomatik geben, jedoch die Repräsentativität stark bezweifelt werden sollte. Die Ergebnisse sind somit nicht generalisierbar und im übrigen ist die Studie auch nur als Pilotstudie betitelt.
        Den Vergleich der Psychologie mit Naturwissenschaften wie der Mathematik oder Physik finde ich darüber hinaus weit hergeholt. Sie werden zugeben müssen, dass der Mensch kein mathematisches Objekt ist, dessen zukünftiges Verhalten man in einer Formel berechnen könnte. Im Gegenteil ist die Psychologie ein Wissenschaftsfeld, welches menschliches Erleben und Verhalten im Kontext seiner Umwelt erklärt. Das ist höchst individuums- und situationsspezifisch und nich generalisierbar.
        Nicht umsonst ist der Fachbereich der Interkulturellen Psychologie im Aufschwung..

        • Frau Mitas – ist Ihnen eigentlich aufgefallen, wie sehr Sie es vermeiden, das „Kind“ beim Namen, d.h. Genitalverstümmelung und Gewalt zu nennen und stattdessen als „Eingriff“, „Praktik“, „FGC“ pseudo-neutralisieren bzw. verharmlosen?

          Wer bereits mit falschen Begriffen und Assoziationen startet, landet zwangsläufig bei falschen Schlüssen.

  • Frau Mitas, es scheint, als sei vor allem der Kulturrelativismus Ihr Fachgebiet …

    Anders lässt sich Ihre Beharrlichkeit in der irrigen Behauptung, die menschlichen psychischen Reaktionen auf Misshandlung, Folter und Gewalt seien vom „Kontext Ihrer Umwelt“ abhängig, kaum erklären – die Sie auf welcher Grundlage eigentlich aufstellen, außer völlig überholter kulturrelativistischer Ideologie?

    Vielleicht sollten Sie sich zunächst einmal ernsthaft a.) mit der Materie der Genitalverstümmelung befassen und b.) mit den Auswirkungen von Gewalt und mit Traumapsychologie, um die Mustergleichheit der Trauma-Phänomene (Dissoziation, Identifikation mit dem Aggressor) besser zu begreifen.

    Es macht für ein Kind keinen Unterschied, an welchem Ort der Welt es gefoltert, misshandelt, gequält wird – die Folgen, sowohl physisch als auch psychisch gleichen sich – ob Sie dies akzeptieren mögen oder nicht.
    Ich empfehle Ihnen, Berichte von Verstümmelungs-Opfern zu studieren, die sich oft nicht einmal im Wortlaut unterscheiden – mal sehen, ob Sie dann immer noch von „nicht generalisierbarem“ Erleben und Leiden sprechen.

    Was Behrendt’s Studie angeht – für deren kulturrelativistische Motivation sich unsere Begeisterung übrigens mehr als in Grenzen hält – so unterschlagen Sie mal eben die gleich große Vergleichsgruppe unverstümmelter Frauen, die erwartungsgemäß quasi keine Traumasymptome zeigt.

    Es gibt darüber hinaus weitere Studien – z.B. aus dem Irak – tausende Kilometer vom Senegal entfernt – die ähnliche Ergebnisse hervorbringen: Eine alarmierend hohe Zahl schwerer psychischer Störungen aufgrund der Verstümmelungsgewalt, darunter 44% PTBS und 45% Angststörungen und damit sogar noch eine höhere Prävelenz dieser Symptome als bei Behrendt. (http://www.desertflowerfoundation.org/en/new-study-underlines-devastating-effects-of-fgm-on-mental-health/) – während in der unverstümmelten Vergleichsgruppe diese Störungen fehlen…

    Was die „Generalisierbarkeit“ von Fakten angeht – so spricht die flächendeckende Dimension von Genitalverstümmelung innerhalb der jeweiligen Gewaltkulturen für sich.,,

    • Manuela Mitas says:

      Ihre persönlichen Angriffe lasse ich lieber unkommentiert, da solch ein Verhalten in einer Diskussion dieses ernst zu nehmenden Themas eigentlich keinen Raum haben sollte.

      Zu einer Rechtfertigung meiner Meinung: Ich weiß nicht aus welcher meiner Aussagen Sie entnommen haben wollen, dass „die menschlichen psychischen Reaktionen auf Misshandlung, Folter und Gewalt vom “Kontext Ihrer Umwelt” abhängig seien“. Jedenfalls lässt sich das für mich weder aus dem Kontext, noch als Zitat erschließen.

      Die medizinischen Folgen von FGC/M sind ganz klar und nicht diskutierbar. Diese physischen Folgen können im weiteren Verlauf der Entwicklung auch psychische Auswirkungen haben – was ich im übrigen nie bestritten habe. Da die Vulnerabilität und ebenso persönliche Schutzfaktoren jedoch individuell unterschiedlich stark ausgeprägt sind, reagieren eben nicht alle Personen mit Traumasymptomen. Außer PTBS gibt es wie Sie schon angedeutet haben auch andere psychische Auswirkungen, die wiederum stark in ihrer Häufigkeit bei Betroffenen variieren. Eine Schutzfunktion wie ich sie eben angedeutet habe, kann auch der kulturelle Rahmen bieten, in dem man sich bewegt. Fana Asefaw (2006) argumentiert in diesem Zusammenhang, dass der gesellschaftliche Kontext eine Schutzfunktion gegen psychische Störungen für Betroffene darstellen kann.
      Weiterhin hat das Norwegian Knowledge Centre for the Health Services (NOKC) 2010 eine Metaanalyse durchgeführt, welche die Ergebnisse aus 17 Beobachtungsstudien, mit insgesamt 12,755 Probandinnen, über die körperlichen, sozialen und psychischen Aspekte beschnittener Frauen mit unbeschnittenen verglich. Vier dieser Studien berichteten über das höhere Vorkommen psychologischer Auffälligkeiten, wie Angst, Phobien, niedrigem Selbstbewusstsein und psychosomatischen Folgen bei beschnittenen Frauen. Aus den Daten der Metaanalyse konnten insgesamt jedoch keine zuverlässigen Aussagen über psychische Folgen gezogen werden.
      Das heißt NICHT, dass es keine gibt. Es zeigt aber die Schwierigkeiten einer Beurteilung psychopathologischer Folgen in diesem interkulturellen Kontext. Für wissenschaftliche Erhebungen bedarf es einer genauen Kenntnis der Kulturen, auf die bisherige psychologische Instrumente nicht ausgerichtet sind.

      Für Frauen, die aufgrund von FGC/M mit psychopathologischen Folgen leben müssen, ist das mehr als schrecklich. Deshalb sollte man wirksame Interventionen entwickeln, um die Praktik zu unterbinden, da es sich nicht um eine wertvolle Tradition handelt.
      Andere betroffene Frauen wiederum möchten jedoch nicht als „Verstümmelte“ stigmatisiert werden, auch wenn es die Auswirkungen der Praktik angemessen beschreibt. Solche Generalisierungen (damit wäre ich wieder bei meinem ersten Kommentar) füttern Unwissende mit Schockiertheit und Mitleid, welches demjenigen der es empfängt nicht weiterhilft.
      Deshalb bin ich der Meinung, dass es besonders bei einem solch sensiblen Thema auch sensible Umgangsformen mit Betroffenen bedarf – die es erfordern. Ich denke, dass ich nun deutlich genug gemacht habe, dass ich damit nicht die Schwere des Eingriffs entkräfte und seine potentiellen Auswirkungen auf das Individuum. Jedoch ist eine klare Kommunikation notwendig, die besonders Professionelle (Psychologen und Mediziner, wie Gynäkologen) interkulturelles Verständnis für einen adäquaten Umgang mit Betroffenen lehrt. Dieses erreicht man nicht mit radikalen Tönen, sondern klaren und fundierten Fakten, die die Sichtweisen aller Beteiligter berücksichtigt und dadurch eine Kommunikation auf Augenhöhe fördert.

      • Sie wünschen klare Kommunikation? Bitteschön:

        1. Sie wollen es offensichtlich nicht begreifen?!: Der „kulturelle Kontext“ d.h. die austauschbaren Konstrukte zur Legitimierung eines Gewaltverbrechens wie Genitalverstümmelung spielt/spielen keine Rolle für das Ausmaß und die Ausbildung schwerer traumatischer Störungen einschließlich Dissoziation und Identifikation mit dem Aggressor und folgender intergenerationeller Gewaltweitergabe – weil die Realität, d.h. bestialische, sadistische Gewalt und damit verbundene Todesangst sowie der Vertrauensmißbrauch durch Bezugspersonen ausschlaggebend sind!

        2. Ihr Kulturrelativismus ebenso wie Ihre Weigerung, das Problem (=Genitalverstümmelung / Gewalt) sprachlich, inhaltlich und empathisch zu erfassen sowie Ihre offensichtliche Beratungs- und Erkenntnisresistenz sind mit Verlaub haarsträubend.

        3. Die von Ihnen zitierte Asefaw wird nur in den hartgesottensten Kulturrelativistenkreisen unreflektiert und unkritisch zur Kenntnis genommen – ansonsten jedoch zu Recht für ihre unsäglichen Relativierungen auseinandergenommen (z.B. hier http://www.wadinet.de/blog/?p=693 und hier http://yourenlightenment.wordpress.com/category/uncategorized/ und hier http://jungle-world.com/artikel/2008/20/21814.html )
        Schlimmer noch – Sie zitieren Asefaw mit einer völlig beliebigen, unbelegten Aussage, die womöglich Asefaws verquere Phantasie und Introjektionen ihrer Gewaltkultur widerspiegelt – doch jeder Grundlage und wissenschaftlicher Belege entbehrt! Es scheint, als beschränkten Sie „wissenschaftliche Gründlichkeit“ nur auf unbequeme Fakten wie die in unserem Artikel beschriebenen…

        4. Apropos „wissenschaftliche Gründlichkeit“: Sie führen ernsthaft eine Vergleichsstudie (aus Norwegen) an, deren Mehrzahl der Einzelstudien überhaupt keine qualifizierten Untersuchungen über die Art und das Ausmaß der verstümmelungsbedingten Traumatisierung der Opfer beinhalten und somit naturgemäß keine Aussage treffen kann – und versteigen sich dennoch in die irrige Schuldzuweisung Richtung „interkulturellen Kontext“?

        5. Wie haben bereits wirksame Interventionen erarbeitet, die Genitalverstümmelungen sicher unterbinden und Mädchen schützen .

        6. Stigmatisiert werden die Opfer durch die Täter und die Tat – jedoch NICHT durch die Tatsache, das an ihnen verübte Verbrechen beim korrekten Namen Genitalverstümmelung zu nennen. Die „Stigmatisierungs-Ausrede“ zur Rechtfertigung der Bagatellisierung von Genitalverstümmelung ist ein alter Relativisten-Hut und wurde längst mit harscher Kritik seitens afrikanischer Initiativen bedacht, siehe http://www.taskforcefgm.de/?s=bamako+deklaration

        7. „Es bedarf klarer Kommunikation“ für Professionelle und „klarer und fundierter Fakten“. Genau. Und aus diesem Grunde schreiben wir Artikel wie den obigen, um Fachkräften ein besseres Verständnis der Gewaltmechanismen zu ermöglichen sowie der Dringlichkeit, Mädchen vor diesem Verbrechen ohne wenn und aber zu schützen.

      • Danke Manuela Mitas für Ihre klaren Worte!
        Auch ich, sowie einige meiner Freundinnen, halten eine sensible Vorgangsweise als einzig richtig. Ihr letzter Absatz könnte Teil eines Lehrbuches sein im Umgang und im Kampf gegen FGM. Klar Abzulehnen ist politischer, kultureller und persönlicher Radikalismus.

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  • Rüdiger Heescher says:

    Wir müssen einfach weniger Kulturchauvinistisch auftreten in diesen Ländern. Es gibt wie in der Relativitätstheorie beschrieben nunmal Lokalität wo sich Covariant die Raumzeit zu Prozessen verändert. Wie in der Diskussion auch zu lesen ist, ist es ein Problem, dass wir (der Westen) wirklich glauben wie zu Newtons Zeit, dass überall 1+1=2 ist. Das begründen wir mit univeralität von Menschenrechten. Seit Einsteins Relativitätstheorie wissen wir, dass Lokalität in Raumzeit eine Relativität in sich birgt. Wir also immer „in Bezug zu“ betrachten müssen. Ein Beispiel, wie es auch funktionieren könnte:
    In Ägypten hat sich bis Mursi etwas entwickelt, was gar nicht so schlecht ist dem Problem zu begegnen. Man hat die Typ1a (Klitorisvorhautbeschneidung) favorisiert und immer mehr ausgebreitet. Die Männer vergleichen es mit ihrer Vorhautbeschneidung und das Mädchen ist dann auch „rein“. Es desensibilisiert zwar auch die Klitoris, wie es bei der Eichel beim Mann auch der Fall ist, aber es lässt wenigstens die Klitoris dran. Es ist nicht perfekt, wenn wir im westen grundsätzlich Beschneidungen bei Mann und Frau verhindern wollen, aber im Verhältnis zu anderen Beschneidungen immerhin ein Fortschritt.
    Genauso wie wir Vorhautbeschneidungen beim Mann als Steinzeitliche Verstümmelung betrachten, was aber damals 3500 v.Chr in der Jungsteinzeit ein Fortschritt war zu Menschenopfern zur Huldigung eines Gottes, so muss man auch heute sehen, dass die Verstümmelung von Penissen eben der Steinzeit angehört. So muss man genauso auch bei Verstümmelung bei Mädchen vorgehen. Wenn es bei Mädchen als OK angesehen wird, dass man nicht mehr Klitoris abschneidet sondern nur noch Klitorisvorhaut, so ist das ein Fortschritt.
    Man kann nicht einfach tradierte Normativitäten in anderen Kulturen einfach so umkrempeln. Das braucht Zeit.

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