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Genitalverstümmelung & Trauma: Warum Opfer zu Tätern werden

Juli 29th, 2012 | Posted by Ines Laufer in Allgemein | Kommentare | TaskForce
Mütter überlassen ihre Töchter der Genitalverstümmelung - nicht obwohl, sondern WEIL sie selbst Opfer sind

Mütter überlassen ihre Töchter der Genitalverstümmelung - nicht obwohl, sondern WEIL sie selbst Opfer sind

„Wie können Mütter zulassen, dass ihren Töchtern die Genitalverstümmelung angetan wird, obwohl sie diese Folter selbst erlebt haben“?

lautet eine der im Westen wohl am häufigsten gestellten Fragen im Zusammenhang mit Genitalverstümmelung an Mädchen.

Das grundlegende Unverständnis und die Hilflosigkeit, die sich in dieser Frage äußern, sprechen Bände darüber, wie sehr das gewalttätige Wesen von Genitalverstümmelung immer noch verkannt wird und darüber, wie wenig Wissen über die Mechanismen von Gewalt bislang im kollektiven Bewusstsein verankert ist – denn die Antwort könnte einfacher kaum sein:

Die Mütter überlassen ihre Töchter der Verstümmelung – nicht obwohl – sondern WEIL sie Opfer sind!

Genitalverstümmelung „funktioniert“ auf der psychologischen Ebene prinzipiell wie jede andere Form intergenerationeller Gewalt, wie z.B. die Weitergabe sexualisierter, physischer und psychischer Misshandlung innerhalb von Familien. (1)

Die Opfer erleiden mit der Verstümmelung zum einen ein Maß an Gewalt, das an sadistischer Intensität kaum zu überbieten ist und zum anderen schweren Verrat und Vertrauensmissbrauch durch jene Personen (d.h. Mutter, Großmutter, Familie), die eigentlich für Schutz und Geborgenheit sorgen müssten.

Viele Überlebende schildern diese Erfahrung ähnlich wie die ägyptische Schriftstellerin Nawal El Saadawi:

„Was man mir aus dem Körper geschnitten hatte, wusste ich nicht – ich wollte es auch nicht wissen. Ich weinte nur und rief um Hilfe nach meiner Mutter. 

Der schlimmste Schock kam, als ich mich umsah und merkte, dass sie neben mir stand. Ja, sie war es, in voller Lebensgröße – es konnte keinen Zweifel geben. Mitten zwischen diesen Fremden stand sie, sprach mit ihnen und lächelte sie an, als habe sie nicht eben erst an der Abschlachtung ihrer Tochter teilgenommen…“ (2)

Diese fatale Kombination aus massiver Gewalt und Verrat durch die engsten Bezugspersonen löst schwere Traumata aus:  Bis zu 80 % der Verstümmelungsopfer erleiden anhaltende Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), dissoziative Störungen und Angststörungen.

Durch Dissoziation (Abspaltung) und „Identifikation mit dem Aggressor“ – ausgelöst durch das Verstümmelungs-Trauma – werden die ehemaligen Opfer zu Tätern ohne jegliches Mitgefühl…

Verdrängung, Abspaltung und „Identifikation mit dem Aggressor“ sind

Durch Abspaltung und Identifikation mit dem Aggressor werden Opfer zu Tätern

Durch Abspaltung und Identifikation mit dem Aggressor werden Opfer zu Tätern

typische psychische Abwehrreaktionen  gegenüber schwerer Gewalt, die besonders dann entwickelt werden, wenn das Maß der erlebten Ohnmacht und Abhängigkeit besonders groß ist. Dabei werden die erlebte Gewalt und damit assoziierte Gefühle (auch Mitgefühl) völlig abgespalten oder abgeschaltet sowie die Verhaltensweisen des Aggressors (unbewusst bzw. oft gegen den bewussten Willen) übernommen und an die nachfolgende Generation weitergegeben:

„Nur tief gespaltene Menschen können ein Kind foltern, z.B. in Form von Genitalverstümmelung…(…)…Der Zusammenhang zwischen allgemeiner innerfamiliärer Gewalt gegen Kinder und der Genitalverstümmelung ist offensichtlich. Die Verstümmelung ist nichts anderes als Folter mit lebenslangen Folgen. Sie ist eingebettet in die historisch belegte routinemäßige Folter von Kindern durch Eltern und Pflegepersonen.

Und sie kann nur stattfinden, weil die Menschen, die diese Mädchen verletzen, selbst einst als Kind alles Menschliche abspalten mussten, um in einer Atmosphäre der Gewalt überleben zu können. Die Genitalverstümmelung ist in meinen Augen kein Ausdruck von “Kultur”, sondern eine Wiederaufführung selbst erlebter Traumatisierungen.“ (3)

Vor diesem Hintergrund dürfte es niemanden verwundern, dass auch allgemeine, schwere physische und psychische Misshandlungen gegen Kinder in sämtlichen Verstümmelungs-Kulturen flächendeckend verübt werden.

Es wird deutlich: Die folgenschweren psychischen Trauma-Reaktionen mögen zwar der Aufrechterhaltung zumindest der teilweisen Funktionstüchtigkeit des Selbst der Opfer dienen, doch richten sie sich in großem Maße gegen die Integrität der Opfer sowie das Wohlergehen der künftigen Generationen.

Sie sind potentiell lebenslang wirksam und manifestieren sich sogar dann, wenn ehemalige Opfer vorgeben, sich gegen das Verbrechen einzusetzen – doch in erster Linie die Täter und die Tat entschuldigen, rechtfertigen, verharmlosen und schützen: Einige Beispiele mit großer Musterähnlichkeit haben wir in unserem Blog beschrieben, z.B. Jawahir Cumar, Fadumo Korn oder Almaz Böhm. Andere werden uns regelmäßig unkritisch und unreflektiert von den Medien präsentiert, wie kürzlich die Sudanesin Amal Bürgin von einem Schweizer Blatt uvm.

Fazit:

Die Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Gewalt, Trauma und Weitergabe der Gewalt von einer Generation zur nächsten erfordern eine grundlegende Kurs-Korrektur und dringende Strategie-Anpassung.

Das Wissen um die oben beschriebenen Mechanismen der intergenerationellen Weitergabe von Gewalt liefert nicht nur eine Erklärung dafür, wie (auf der psychologischen Ebene) bestialische Verbrechen wie die Genitalverstümmelung aufrecht erhalten werden, sondern erklärt ebenfalls, warum die bisherigen Ansätze zu deren Überwindung scheitern und gibt den Weg vor, wie diese Gewalt schnell, wirksam und nachhaltig gestoppt werden kann:

Wer Genitalverstümmelung ernsthaft bekämpfen will, muss zuallererst den fatalen Gewaltkreis aufbrechen und die potentiellen Opfer davor schützen, Opfer und später gewaltbereite  potentielle Täter zu werden.

Es muss darum gehen, die „Produktion“ neuer Opfer-Täter Generationen konsequent zu stoppen, d.h. Mädchen auch gegen die Überzeugung der Täter (!) zu schützen, z.B. durch regelmäßige Unversehrtheitskontrollen, verbunden mit strikter Bestrafung der Täter bzw. Anstifter (Familie), was sowohl in Deutschland/Europa als auch in Entwicklungshilfeprojekten auf einfache Weise umsetzbar wäre – allein der Wille zur Umsetzung fehlt bislang, unter anderem eben auch deshalb, weil die o.g. Zusammenhänge übersehen, ignoriert oder einfach nicht bewusst sind…

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(1) Bis zu 42% der Frauen, die als Kind sexualisiert misshandelt wurden, liefern ihre eigenen Kinder später männlichen Partnern zur sexualisierten Gewaltausübung aus. Bis zu 70% der Frauen, die als Kind geschlagen wurden, schlagen ihre eigenen Kinder. Bis zu 80% der männlichen Gewaltopfer reproduzieren die Gewalt gegen Frau und Kinder. Quelle: Michaela Huber, 1. Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Trauma und Dissoziation

(2) Nawal el Saadawi 1980 in einem Interview mit dem amerikanischen Frauenmagazin „Ms.“

(3) Sven Fuchs – der in Hamburg Soziologie studiert hat und sich seitdem mit den Ursachen, Mechanismen und Folgen von Gewalt befasst und seine Erkenntnisse auf einem äußerst empfehlenswerten Blog veröffentlicht

Fotos (c) Scott Haddow/Flickr, istockphoto

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