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Genitalverstümmelung: Deutsche Filmemacher als voyeuristische Mittäter & das Lob von Humanisten

Februar 24th, 2013 | Posted by Ines Laufer in Humanismus? | Kommentare | Medien | Mittäterschaft & unterlassene Hilfe

Das Magazin „diesseits.de“ gibt sich humanistisch – und hebelt grundlegende Werte wie Recht auf Schutz und Würde aus, wenn es um schwarze/afrikanische Kinder geht…

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Ein deutscher Filmproduzent schickte in Deutschland ein Kamerateam los, um an der Planung, Vorbereitung und Ausführung eines Verbrechens mitzuwirken, bei dem hunderte Kinder misshandelt, gefoltert, gequält und verstümmelt werden – nur um mal der Öffentlichkeit die Angst, Schmerzen und Hilflosigkeit der Opfer vorzuführen. Undenkbar? Bestimmt!

Und wie lange würde es wohl dauern, bis den Ersten ein Licht aufginge, dass sich sowohl Produzent als auch Filmer der Beihilfe an einer Straftat schuldig machten und für die Unterlassung von Hilfe für ihre Mittäterschaft zur Verantwortung zu ziehen wären? Ich wage die Prognose, dass ein angemessener Shitstorm und strafrechtliche Konsequenzen durchaus denkbar wären.

Wenn nun aber oben beschriebenes Szenario seine Umsetzung in der Realität findet – die Opfer allerdings keine weißen/deutschen Kinder sind sondern schwarze/afrikanische Mädchen – klappt selbst bei manch eingefleischtem Humanisten die Schere im Kopf auf und reproduziert neben verwerflicher Doppelmoral ein erschreckendes Maß an Gedankenlosigkeit und kollektiver Verrohung, wie die ekelerregende Belobhudelung des unter deutscher Beteiligung entstandenen Machwerks „The Cut“ im „humanistischen“ Onlinemagazin diesseits.de beweist:

Der Autor des Artikels, Töns Wiethüchter – Lebenskundelehrer beim Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg – scheint beim Schreiben und tumben Rezitieren der PR-Phrasen der Filmemacher nicht eine einzige Sekunde in Empathie und Nachdenken investiert zu haben, denn er bagatellisiert die Verstümmelung nicht nur als „Beschneidung“, sondern erhebt auch die Mittäterin Beryl Magoko zur „moralischen Instanz“ und lobt deren äußerst hinterhältige, verantwortungslose und menschenverachtende Vorgehensweise als „etwas Besonderes“.

Strafrechtlich relevantes Machwerk

Doch werfen wir erst einmal einen pragmatischen Blick auf die Fakten: Die Genitalverstümmelung an Mädchen ist in Kenia – dem Entstehungsort des Filmes, der 2010 gedreht wurde – seit 2001 mit dem Children’s Act unter Strafe gestellt und zum Verbrechen erklärt. Im Kuria-Distrikt – wo der Film realisiert wurde – agierte die Polizei bereits seit 2005, um Verstümmelungstäter ihrer  Bestrafung zuzuführen.

Die Filmemacherin Beryl Magoko nahm sowohl an der Planung als auch

Die Filmemacherin Beryl Magoko hat die Opferrolle gegen die Täterrolle getauscht, sich der Mittäterschaft schuldig gemacht und ist für die fortgesetzte Entwürdigung der Opfer verantwortlich

Die Filmemacherin Beryl Magoko hat die Opferrolle gegen die Täterrolle getauscht, sich der Mittäterschaft schuldig gemacht und ist für die fortgesetzte Entwürdigung der Opfer verantwortlich

Vorbereitung und Durchführung der Straftat „Massenverstümmelung an 300 Mädchen“ teil. Sie wusste nach Aussagen der deutschen Förderer des Filmes  den genauen Ort und Zeitpunkt des Verbrechens.

Doch anstatt inernationale Organisationen oder das Inter-African-Committee oder lokale Behörden einzuschalten, um die Taten zu verhindern, hielt sie – ohne Wissen oder Einverständnis der Opfer (!!) – munter ihre Kamera auf die gepeinigten Opfer und raubt ihnen den letzten Rest an Würde. Diese Entwürdigung und Retraumatisierung wird jedes Mal, wenn der Film irgendwo gezeigt wird, erneut vollzogen. Magoko hat somit – keineswegs wie Wiethüchter behauptet – etwas „Besonderes“ geleistet, sondern einen klassischen Rollenwechsel vorgenommen:

Vom Opfer zur Täterin.

Auf die Spitze getrieben wird die Perversion durch die Tatsache, dass mit dem Frankfurter Verein Vefjo.org deutsche Förderer und mit Andreas Frowein ein deutscher Produzent die Verantwortung für diese Beihilfe zu einem hundertfachen Verbrechen und Unterlassung von Hilfe zu tragen haben, deren strafrechtliche Erörterung zumindest einmal interessant wäre – abgesehen von der offensichtlichen moralischen Verderbtheit.

Voyeurismus und Entwürdigung der Opfer statt Aufklärung…

Mit „Aufklärung“ – wie von Vefjo.org als Rechtfertigungsversuch vorgebracht – hat dieses widerwärtige Filmwerk nicht das Geringste zu tun sondern taugt höchstens zur Befriedigung sadistisch-voyeuristischer Neigungen.

Der Film und seine Macher/in ergötzen sich auf niederträchtige Weise an dem Leid der quälten Kinder, während sie sich gleichzeitig zum Sprachrohr der Täter  und ihrer Rechtfertigungen machen, diese Gewalt relativieren und bagatellisieren, kulturrelativistisch verbrämen und vor allem wirksame Lösungen verschweigen,  die einen umfassenden, messbaren Schutz für die potentiellen Opfer herbeiführen können.

…und stell’Dir vor, keiner ginge hin

Wer nun glaubt, es sei „sowieso zu spät, um etwas zu unternehmen“ sollte vielleicht einen Moment innehalten und bedenken, dass ein konsequenter Boykott durch die Besucher – und geballte Kritik gegen Frowein, Vefjo.org, das humanistische Online-Blatt „diesseits“ und sämtliche Anbieter, die meinen, dem Film eine Bühne geben und ihn zeigen zu müssen – das letzte realistische Fünkchen Hoffnung für die Opfer wäre, ihre fortgesetzte Entwürdigung durch die permanente Wiederaufführung des Verbrechens zu stoppen.

Kontaktadressen der Beteiligten: 

– VeFJO.org: mail@vefjo.org, Vorstand: Britta Kastern, Florian Schwinn

– Andreas Frowein: info@andreas-frowein.de

– „diesseits.de“: bauer@diesseits.de, Herausgeber Michael Bauer

– Töns Wiethüchter: t.wiethuechter@hvd-berlin.de

 

Fotos: (C) Screenshots der Facebook-Seite von diesseits.de, diesseits.de

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6 Responses

  • Mittäter ist die Projektion vom „dunklen Afrika“, in das mithilfe westlicher Journalisten „Licht“ gebracht wird – die Suggestion jeglicher Abwesenheit von Konflikt und Prozessualität und Staat in diesen Gesellschaften. Das gleiche gilt für Ethnologen, die Genitalverstümmelung, Verstümmelung und Hexenjagden dokumentieren. Natürlich kann man sich fragen, ob ethnographische Arbeit in Gebieten, in denen solche Verbrechen vorkommen, überhaupt möglich ist, und mitunter kann Dokumentation eine letzte, schlechte Wahl sein. Nachtwey etwa hat einen Menschen, der gelyncht wurde, fotographiert, aber erst, nachdem er 20 Minuten um das Leben desjenigen gekämpft hat. Und selbst das ist schon Exploitation. Ethnologen und solchen teilnehmenden Journalisten wird aber das Zusehen systematisch antrainiert, die Intervention systematisch abtrainiert, und je exotischer das Gefilmte, desto reicher ist dann der Lohn. Es gibt immerhin eine Zweiteilung: Ethnologen und Journalisten, die aus dem Bezeugten Konsequenzen ziehen und danach oder währenddessen noch intervenieren. Und solche, die „munter“ wie der Text richtig sagt, das abfotographieren und dann irgendwelche verquasten Relativismen oder bigotte kulturindustriell marktgängige Empörung hinterherschieben.

  • Am Fall ist doch sehr relevant, dass es eine Betroffene ist, die filmt. Das unterschlägt der Text hier etwas. Man kann ihr also schlecht Unkenntnis der lokalen Bedingungen unterstellen, wohl aber mangelnde Konsequenz. Sie hat ein Recht auf individuellen Umgang mit ihrem Leid, aber nicht auf Wiederholung an Anderen. Zu sagen, dass nur so Aufmerksamkeit erzeugt werden könne, ist schon das Opfer derer, die sie eventuell hätte retten können, wenn sie anders gekämpft hätte. Natürlich kann man diskutieren, ob die Polizei in diesen Regionen überhaupt einsatzfähig ist oder gewillt, dagegen vorzugehen. Kriminalisierung ist aber essentiell für solche Handlungen. Wenn nur einer verhaftet wird, bricht das Unrechtsbewusstsein der Masse zusammen oder bekommt zumindest Risse. Und in dem verlinkten Text schildert sie nur die Drohung an den Polizisten, dass der ja dann alle Unbeschnittenen heiraten müsse. Wer sich von so etwas ins Bockshorn jagen lässt, ist doch eher feige und konzediert dem garstigsten Traditionalismus noch Deutungshoheit. Nochmal das Problem, das hier klar benannt wird: Sie hat das vorbereitet. Sie hat nicht Widerstand dagegen vorbereitet, sondern das Verbrechen geduldet, um das Verbrechen in Wiederholung zu verhindern. Das ist eine zweifelhafte Methode von Widerstand und Kritik und sie wird zu Recht dafür kritisiert. Die Alternative wird von afrikanischen Journalisten auch vollzogen: Das Bündnis mit der Polizei, die Agitation in der Polizei, und dann das Dokumentieren des Verhinderns oder zumindest des Versuchs des Verhinderns, das nicht minder aufklärerisch wäre. Ihr Standpunkt wird aber die Leugnung sein: SIe hätte dadurch zahllosen Anderen geholfen. Echter Schock über das Nichtsdagegentunkönnen artikuliert sich aber durch Trauer, Rationalisierung verdeckt eigene Anteile der Wiederholung.

    Weiter kritikabel ist die Haltung eines Publikums, das so etwas sehen möchte, als würde es nicht schon wissen, was es zu sehen bekommt. Als würde nicht die Zeile ausreichen: Bei diesem Ritual wurden 300 Mädchen ohne Betäubung die Schamlippen und die Klitoris entfernt. Das noch ansehen zu wollen ist Voyerismus, nicht Aufklärung. Ansatzweise Aufklärung wäre, sich konsequent die Gesichter der Täter anzusehen und nicht den Film für die schmerzerfüllten Gesichter der Mädchen und die so erzeugte „Mitfühlung“ zu lobpreisen.

  • Ines Laufer hat Recht: FGM an Kindern ist in Kenia verboten. Daher hätte dieser Film nicht entstehen können ohne die unterlassene Hilfeleistung und die Beihilfe zu einer schweren Straftat von Seiten der Filmemacher: der Massenverstümmelung von Mädchen.
    Allerdings: Wie Felix Riedel schon geschrieben hat: Es ist unklar, ob rechtsstaatliche Hilfe in diesem Fall wirklich verfügbar gewesen wäre.
    Dem hehren Anspruch der „Aufklärung“ wird der Film wohl auch nur bedingt gerecht. Denn wenn das, was passiert, gezeigt werden kann, ohne dass es verhindert werden muss, kann es nicht ganz so schlimm sein. Wir erfahren außerdem viel von den unentrinnbaren kulturellen Zwängen. Auch in Indien werden Mädchen getötet, weil die Mitgift nicht bezahlt werden kann. Moralisch verantwortlich dafür ist niemand, es ist die Kultur!
    Eine solche Doku ist wie ein Tierfilm. Auch da halten mutige Reporter ihre Kamera auf das grausame Geschehen, auch da ist niemand verantwortlich. Es ist die Natur! Darum ist dies – trotz dem sicher ernst und gut gemeinten Aufklärungsanspruch – ein klarer Fall von echtem Rassismus, nicht etwa dem lächerlichen Sandkasten-Rassismus von „Er hat aber Neger gesagt!“ Das ist einfach daran zu sehen, dass ein ähnlicher „mutiger“ Film über einen Kinderpornografiering mit weißen, europäischen Kindern vollkommen undenkbar wäre. Wer die Kamera draufhält, während Kinder bestialisch gequält werden, ist mit dem Etikett „moralisch orientierungslos“ wohl noch gut bedient.

  • Der Artikel und Ihre Webseite gefallen mir. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg damit. Vor einem Jahr habe ich die Freidenker Galerie gegründet. Es würde mich freuen, wenn Sie auch bei mir mal reischauen.

    Schöne Grüsse aus München
    Rainer Ostendorf
    http://www.freidenker-galerie.de

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